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Das Paradox des segenreichen Verlusts von Materie

Die beeindruckendste Schallplattensammlung habe ich einst in der Wohnung von Musikjournalismus-Legende Ingeborg Schober († 2010) zu sehen bekommen. Ein Zimmer voller Platten, alle vier Wände voll – und in den angrenzenden Zimmern in der Schwabinger Wohnung noch mehr. Bei mir nahm die Schallplattensammlung nur eine halbe Wohnzimmerwand ein, dafür reichte sie in meiner Haidhauser Altbauwohnung bis zur Decke und versammelte ca. 8.000 Alben. Heute verstauben meine ca. 2.000 CDs in einem Schubladenschrank, denn all meine Lieblingsmusik ruht längst digitalisiert auf Festplatte und PC. Aktuell aber höre ich fast ausschließlich Musik, die ich physikalisch nicht besitze. Ich bin Abonnent bei Spotify. Hier habe ich Zugriff auf Millionen von Musiktiteln.

Brautmutterkleider Damen Neu Charmant Partykleider Trumpet Lang Kleid Figurbetont Hell Gelb Abendkleider Orange 2018 tStqYwBei Spotify kann ich jetzt problemlos Ingeborg Schobers These nachprüfen, „Soon Over Baluma“, das Album, das Can 1974 veröffentlicht hat, sei vielleicht erst 2014 zu verstehen. So hat sie es einst in einer Rezension formuliert. – Ingeborg hat nur bedingt recht: Wer sein Ohr nicht ausreichend mit Jazz und Weltmusik trainiert hat, wird auch 2014 ratlos bleiben.

Der virtuelle Sammler

Spotify macht solche Hör-Abenteuer möglich, die man bis jetzt aus Kostengründen und wegen Beschaffungsstress gemieden hat. Es öffnet völlig neue Hörgefilde – und liefert dabei auch fast alle lieb gewonnenen Songs und Sounds. Dass ein paar Bands wie Led Zeppelin oder Metallica sich noch verweigern, geschenkt. (Kurioserweise sind alle LedZep-Mitglieder mit ihren Soloprojekten auf Spotify.)

Fakt ist, meine Leidenschaft, die unterschiedlichsten Arten von Musik zu hören, ist ungebrochen. Das war einst nur durch den Kauf von Unmengen von Platten und später CDs möglich. Dementsprechend galt ich seit dem Kauf meiner ersten Single „See my Friends“ von den Kinks 1965 als Plattensammler. Aber seit der Verbreitung von MP3 Files hat sich meine Sammler-Leidenschaft schwer virtualisiert und dematerialisiert. Ich wundere mich selbst, wie wenig es mir ausmacht, Musik nicht mehr zu besitzen. Es reicht die Verfügbarkeit, wie sie Spotify bietet. Und so viel mehr an Musik und Klanggemälden dazu.

Wer soll das bezahlen?

Der absurde Nebeneffekt ist, dass das alles so viel billiger kommt. 10 Euro pro Monat kostet das Premium-Paket. (Die Basis-Version mit minderer – aber akzeptabler – Soundqualität und Werbung ist gratis.) Das ist atemberaubend weniger Geld als ich bisher für den regelmäßigen Nachschub an Musik per Download pro Monat bezahlt habe. Und es ist bequemer. Die Playlists sind leichter zu verwalten – und vor allem kann man sich jetzt mit seinen Freunden (zumindest denen auf Facebook) über seine Hörleidenschaften austauschen. Musikalisch gesehen ist jetzt jeder Tag als würde Weihnachten, Ostern und Geburtstag auf einen Tag zusammenfallen.

Trotzdem darf man bei Spotify ein gutes Gewissen haben, denn für jeden gespielten Titel geht Geld an diejenigen, die die Rechte an dem Song halten. (Nicht immer sind das die Musiker, die die Musik geschaffen haben.) Aber das können bei den geringen Abo-Summen und der Über-Masse der abgehörten Titel nur Nano-Beträge sein, die sich nur bedingt akkumulieren. Noch funktioniert Spotify wie einst das Gratisanhören im Plattenladen: Man kauft dann doch Platten, die man dort entdeckt und die einem wichtig erscheinen. Noch tut man das. Das wird in ein paar Jahren, wenn man sich an die Convenience und die Vorzüge dematerialisierten Hörens gewöhnt hat, anders werden.

Die Zukunft der Pflichtmedien

Das Musikbusiness ist hier der Vorreiter. Wahrscheinlich, weil die Musik als erstes Medium die komplette Umwandlung ins Digitale vollzog, als die CD eingeführt wurde. Als Nächstes werden die Print-Medien samt Buch folgen. Die E-books kommen unaufhaltsam, sie sind zu bequem und mobil gut nutzbar – und billiger sind sie auch überall dort, wo es keine Buchpreisbindung wie in Deutschland gibt. Spannend wird, ob sich hier Kiosk-Modelle mit Einzelbezahlung durchsetzen werden. Ich vermute, eher nicht. Ein All-for-wenig-Geld-Abomodell wie Spotify ist aber für Print-Medien nur schwer vorstellbar. Höchstens, wenn sie sich Kultur-Flatrate nennt und staatlicherseits ähnlich rigide umgesetzt wird wie die Pflichtsteuer für die öffentlich-rechtlichen Sender (Hörfunk & TV).

Der Weg zur De-Materialisierung, zum Abschied von materiellem Besitz, wird sich aber unbeirrbar fortsetzen. Alle Waren, die es im Überfluss gibt, und die so zur Commodity, zur Selbstverständlichkeit werden, wird man immer weniger „besitzen“ wollen, sondern einfach zur freien Verfügung haben wollen. Das betrifft nicht nur Medien und Kulturgüter wie Musik, Filme, Texte, Kunst (auch die kann man längst leihen), sondern auch Maschinen, inklusive Automobile, Waschmaschinen, Kaffeemaschinen etc. Die Selbstverständlichkeit, wie wir uns heute teure Smartphones von unseren Carriern „schenken“ lassen, um die Kosten dann mit teurer Nutzung abzubezahlen, wird sich auch auf andere Branchen ausbreiten. Der Elektrocar-Betreiber „Better Place“ (Israel, Dänemark, Kalifornien) von Shai Agassi (Ex-SAP) hält es heute schon für möglich, seine Autos zu verschenken, um dann die Kosten über Nutzungsgebühren für die Batterien zu refinanzieren.

Die Ent-Materialisierung von Geld

Gr Abendkleid Bolero mit grün Heine Die gesamte Debatte über geistiges Eigentum, Urheberrecht und die dafür fehlenden Businessmodelle in einer digitalen Welt der Zukunft bekommt in der Perspektive einer Ent-Materialisierung ganz neue Aspekte. Wir werden uns an ganz neue Finanzierungsmodelle gewöhnen, die unser Monatsbudget in der Summe letztlich nicht weniger belasten werden als heute unsere Kauf-Gewohnheiten. Aber sie werden „stiller“ sein, so wie heute unsere Rechnung fürs Handy. Dafür werden nicht zuletzt die digitalen Powerhouses wie Facebook, Google, Amazon, Apple oder Microsoft sorgen, die gerade jeder für sich eigene digitale Zahlungsmöglichkeiten entwickeln – und anfangen sie uns schmackhaft zu machen. Und die bisherigen Zahlungs-Platzhirsche wie Visa, Mastercard, American Express und die Banken mit ihren Karten wehren sich mit eigenen digitalen Bezahlungs-Techniken.

Egal wie der erwartbare Mega-Clash der alten und neuen Bezahl-Mogule ausgehen wird – und das wird spannend werden! – danach wird das reale Geld aus Scheinen und Münzen weitgehend ausgedient haben. Es wird eine ähnlich nostalgische Rolle spielen wie heute der Hinweis: „Bei uns kann man noch mit der guten alten D-Mark bezahlen.“ Bezahlt wird künftig mit dem Handy, mit intelligenten NFC-Chips oder was auch immer einen Konsumenten digital eindeutig identifizieren kann. So wird auch das Geld de-materialisiert – und nur noch still und diskret abgebucht werden.

Und so wird man digital durchaus noch materielle Dinge kaufen. Aber nur noch rare und spezielle, die einem einen Mehrwert bieten – in der individuellen Ausformung der Persönlichkeit, in der Abgrenzung zu anderen und in einer wie auch immer gearteten Besitz-Obsession. Das werden Fetische sein, die einem sein Ich verschönen. Dinge, die den jeweils aktuellen Luxus darstellen. (Das können dann auch – selten gewordene – Print-Magazine sein.) Das werden Produkte sein, die einem ganz besondere Geschichten erzählen (die man dann weitererzählen kann). Das werden Verrücktheiten sein, die einen von anderen abgrenzen und einem in ihrer Skurrilität diebische Freude bereiten werden: Zum Beispiel der Besitz von Vintage-Datenträgern aus Vinyl, die man im 20. Jahrhundert Langspielplatten nannte.

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Synthetische Illusion in Realtime

Eine bleibende Erinnerung aus meinen Kindheitstagen waren die Feste im Familienkreis, der gerne mit Gästen aus der „Heimat“, wie das hieß, ergänzt wurde. „Heimat“, das waren in diesem Fall die Gebiete, aus denen meine Familie nach den Weltkriegen vertrieben worden war. Mein Vater wurde 1918 nach dem Ersten Weltkrieg aus Ostpreußen zwangsumgesiedelt. Die Familie fand dann in Herne eine neue Heimat, mein Vater später in Berlin. Meine Mutter wurde im Zweiten Weltkrieg aus Schlesien vertrieben, das nach dem Krieg dann Polen wurde.

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Neuenburg an der Weichsel, Geburtsort meines Vaters.

Meine Eltern waren hierbei eine positive Ausnahme. Sie verherrlichten nie die Vergangenheit, besuchten keine Vertriebenentreffen oder betrieben den üblichen kleinkarierten Revanchismus. In den Erinnerungen etlicher unserer Verwandten jedoch wurde bei diesen speziellen Familientreffen verloren gegangenen Gütern, Schlössern und Großgrundbesitz hinterher gejammert. In alter Junker-Herrlichkeit wurden weniger schöne Landschaften als vielmehr verlorene Macht über Gesinde und polnische Untergebene – die man natürlich immer gut behandelt hat, obwohl sie so dumm und ungeschickt waren – vermisst.

Der patriarchalische Selbstbetrug

Wie trügerisch, und bisweilen auch verlogen solche Erinnerungen waren, erfuhr ich erst, als ich vielleicht 13 Jahre als war. Das schönste Märchen, das mir die Jahre über aus der „Heimat“ erzählt wurde, war die Geschichte der schönsten Schwester meiner Großmutter, Tante „Lenchen“. Sie hatte einen älteren Gutsbesitzer geheiratet und lebte mit Bediensteten im schönsten Teil Pommerns. Meine Mutter durfte einige Male als Kind in den Ferien Tante Lenchen besuchen und die Annehmlichkeiten eines derart privilegierten Lebens genießen. Entsprechend märchenhaft waren ihre Erinnerungen an die schöne, mondäne Tante, die mindestens einmal im Jahr für zwei, drei Wochen lang in die Hauptstadt Berlin fuhr, um sich mit der neuesten schicken Mode auszustatten und das Großstadtleben zu genießen.

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Freiwaldau in Schlesien, der Geburtsort meiner Mutter.

So zumindest wurde es stets erzählt. Bis eines Tages ihre jüngste Schwester Lucie aus Berlin zu Besuch in München war. Wieder einmal wurde das verzuckerte Märchen von Tante Lenchen erzählt, die es nach dem Krieg schwer traf, als sie verwitwet in der DDR von einer kargen Rente leben musste. Meine Mutter schwärmte wieder einmal von dem schönen Leben in Pommern und Lenchens Ausflügen ins mondäne Berlin. Da wurde es Lucie zu bunt. Es war das einzige Mal, dass ich sie, eine bescheidene, liebe, zurückhaltene Frau, der Inbegriff von Freundlichkeit, einmal wütend erlebte. Mitten im Märchen fragte sie knapp: „Du weißt schon, warum Lenchen immer nach Berlin kam?“ Meine Mutter wusste es wirklich nicht. Lucie klärte sie über ihre Lieblingstante auf: „Jedesmal kam sie nach Berlin, um ein Kind wegmachen zu lassen!“ So sah damals die Geburtenkontrolle der Reichen aus… – Eine herbe Wahrheit, die mein zutiefst katholisches Elternhaus schwer traf.

Konsens der Erinnerungen

Soweit meine Erinnerung an Erinnerungen an früher. Wie unverlässlich so etwas ist, wird einem klar, wenn man den Artikel „The Forgetting Pill“ in der März-Ausgabe des WIRED (US) liest. Allein der biochemische Akt der Abspeicherung von Erinnerungen in den verschiedenen Gehirnregionen, der dort griffig beschrieben wird (im 2. Teil der Web-Ausgabe,) macht klar, wie fragil solch eine Speichermethode ist. Das gilt vor allem dann, wenn man in emotional aufgewühltem Zustand Erinnerungen abruft. Das ist unausweichlich, wenn man sich an ein traumatisierendes Erlebnis erinnert. So mussten Wissenschaftler feststellen, dass sich die Erinnerungen etwa an den Terroranschlag des 11.September innerhalb eines Jahres bei knapp der Hälfte der befragten Tatzeugen völlig verändert hatte.

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Soviel zur Verlässlichkeit von Erinnerungen. Sie sind nichts anderes als eine synthetische Illusion in Realtime, die einem vertraut vorkommt. Manchmal wohl auch zurecht. Aber entsprechend spannend wird es, wenn sich eine Gruppe Menschen erinnert. Dann kommt es darauf an, gemeinschaftlich einen Konsens über die jeweils subjektiven Erinnerungen herzustellen. Das geht in der Familie noch ganz gut, da wird patriarchalisch oder matriarchalisch – je nach den jeweils bestehenden Machtverhältnissen – bestimmt, welche Erinnerung die richtige, bzw. die genehmste ist. Was im Fall von Tante Lenchen damals dann aber in Anbetracht der moralischen Abgründe nicht funktionieren wollte. Meiner Mutter blieb als letzte Rettung ein verzweifeltes: „Das glaube ich nicht!“

Unerwünschte Erinnerungen

Negative, schreckliche Erinnerungen, das sind Traumata. In dem WIRED-Artikel geht es darum, wie man ein Trauma wirkungsvoll bekämpfen kann – und zumindest lindern kann. Der Trick erfolgreicher Trauma-Therapien, ob psychologisch oder pharmakologisch, ist es, das Erlebte in einer neutralen oder positiven emotionalen Stimmung noch einmal aufzuarbeiten. Denn unser Gehirn rekonstruiert die Erinnerung jeweils in Echtzeit und lässt sich dabei von der jeweiligen Situation und dem jeweiligen Gemütszustand „manipulieren“. Je positiver das Ambiente, desto positiver oder mindestens wertfreier wird die Erinnerung – und so neu bewertet abgespeichert.

Fragt sich, ob das nicht auch für profanere Erinnerungen gilt: je positiver das Ambiente, desto besser und positiver die Erinnerung. Ein sehr überraschendes Beispiel hierfür präsentierte der amerikanische Jongleur und Comedian Chris Bliss in seinem Vortrag auf TED.com: „Comedy is translation“. Er zitiert eine Untersuchung, in der konstatiert wird, dass Zuschauer der Comedy-Show „The Daily Show“ von John Stewart, die das Vorbild unserer „heute-Show“ ist, weitaus besser informiert sind als das Publikum der etablierten Newsmedien. – Das sagt auch etwas über die Qualität der Newsmedien in den USA aus. Vor allem aber scheint es darauf hinzuweisen, dass Inhalte und Informationen besser und nachhaltiger rezipiert und abgespeichert werden, wenn sie in der heiteren, entspannten Atmosphäre einer Comedy-Show konsumiert werden und nicht im Stress eines Krisen- und Katastrophen-Mix einer normalen News-Sendung.

Notorischer Negativ-Hysterismus

Das sagt viel über den in den Newsmedien weit verbreiteten Katastrophismus und notorischen Negativ-Hysterismus aus. Je mehr Negatives an den Haaren herbeigezogen wird und je mehr übertourig und tumb eindimensional  berichtet wird, desto weniger finden die Inhalte Eingang in die Erinnerungs-Sphären des Gehirns. Oder umgekehrt: Je relaxter und amüsierter man sich fühlt, desto eher werden Inhalte dauerhaft abgespeichert – und finden von dort ihren Weg ins Unterbewusste und in die Sphären der Reflexion.

Und damit ist die Aufgabenstellung einer zeitgemäßen Berichterstattung vorgezeichnet, will sie erfolgreich sein. Und dasselbe gilt für das Marketing der Zukunft. Es geht darum, seine Botschaften authentisch und positiv zu gestalten, vor allem dann aber sie in einem positiven, heiteren Umfeld zu lancieren. Das funktioniert nicht im sozial dysfunktionalen Umfeld eines TV-Nachmittags, nicht im negativen Umfeld von Sozial-Pornos, nicht in der Hektik von Action und Totschlag. Das funktioniert aber wunderbar im milde empathischen, leise ironischen Umfeld der Social Media. Das funktioniert prima in der konzentrierten Rezeption von Online-Media. Hier lässt sich das Marketing der Zukunft erfolgreich positiv gestalten: Positive Traumata, die tief in unserer Erinnerung abgespeichert sind und gerne abgerufen werden, müssen geweckt werden.

 
 
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Moderner Revisionismus

Unser gesellschaftlicher Diskurs beharrt seit Monaten monomanisch auf solch Nebensächlichkeiten, welchen Bundespräsidenten wir loswerden und welchen wir haben wollen. Darüber hinaus wird nur eher widerwillig die Eurokrise abgehandelt. Ein politischer Diskurs dazu findet so gut wie nicht statt. Die Folge ist eine mentale Entwertung des Geldwertes in weiten Kreisen der Bevölkerung: Lasst uns das Geld ausgeben, bald ist es nichts mehr wert. Der Rest ist Schulternzucken. So wird der Weg in die Inflation perfekt planiert. Und die Macht der Spekulanten bleibt unangetastet.

Uns wird auf diese Weise vorgegaukelt, das Leben könnte so weiter gehen, wie es immer war. Mit solch naiv revisionistischem Optimismus wird erfolgreich verhindert, dass über wichtige Entwicklungen der Zukunft diskutiert wird. Die etablierte Politik tut einfach so, als würden es in den nächsten 20, 30, 50 Jahre einfach so weiter gehen wie gehabt. Dabei hat gerade die Politik von Angela Merkel in den letzten zwei, drei Jahren bewiesen, zu welchen Disruptionen unsere Welt heute fähig ist. (Bezeichnend, dass die Begriffe „Disruption“ und „disruptiv“ in der deutschen Version von Wikipedia bislang nicht vorkommen.)

Disruption ist kein Zuckerschlecken

Die abrupten politischen Kehrtwendungen von Angela Merkel in den letzten Monaten waren keine Zufälle. Sie waren auch kein Abschneiden von alten Zöpfen. Nein, sie waren die logische Konsequenz einer sich abrupt geänderten gesellschaftlichen Fakten- und Meinungslage. Die Atomwende war Fukushima geschuldet, richtig. Aber die Abschaffung der Wehrpflicht? Die logische Folge einer veränderten Sicherheitslage? Vor allem war sie der Einsicht der Militärs zu verdanken, dass man mit komplett unmotivierbaren Rekruten nur Ärger, Arbeit und hohe Kosten bei null Mehrwert einhandelt. Und der Mindestlohn? Es gab einfach in den Medien – und im Internet – zu viele und zu krasse Beispiele von Lohn-Ungerechtigkeit, von Lohn-Dumping und Mitarbeiterbashing, als dass man die heilige Kuh der freien Märkte nicht schleunigst vom Eis holen musste.

Solch abrupte, disruptive Entwicklungen werden künftig immer häufiger vorkommen. Jeder politische und gesellschaftliche Diskurs kann heute solch eine Wucht und solch eine Unerbittlichkeit entwickeln, dass man darauf als Politiker unausweichlich reagieren muss, egal was die Parteiprogramme dazu meinen. Eine Entwicklung, wie sie noch vor fünf Jahren undenkbar gewesen wäre. Christian Wulff hat das auf sehr brutale und persönlich bittere Art und Weise erleben müssen.

Der Machtkampf der Mediensphären

Wulff ist jenseits seiner eigenen Unzulänglichkeiten und seiner katastrophalen Pressepolitik auch das Opfer eines Machtkampfes der professionellen und „privaten“ Medien geworden, wie er gerade tobt. Ein Kampf der etablierten Medien mit den Meinungsmachern im Internet (alias Netzgemeinde oder Blogosphäre) um die Themen und die Deutungshoheit in unserer Gesellschaft. Die Causa Wulff war nicht zuletzt auch eine Machtdemonstration der etablierten Medien, zu was sie (noch!!!) in der Lage sind. Motto: Wulff muss weg, egal warum, weil das auf unserer Agenda steht. Die etablierten Medien reagieren wie ein waidwundes Tier. Denn die Themen, mit denen sie sich beschäftigen müssen, werden ihnen mittlerweile meist vom Internet vorgegeben. Das Thema Wulff war noch ihre Erfindung, also musste es besonders erbarmungslos durchgezogen werden.

Diese Mischung aus spontaner Themenbestimmung durch das Internet und dessen Beschleunigungs- und Erhitzungskraft, gepaart mit der Hysterisierungs-Maschine der etablierten Medien und ihrer Bildgewalt, wird in Zukunft noch zu vielen knallharten gesellschaftlichen Disruptionen und politischen Kehrtwendungen führen. Denn die Fähigkeit, politische Themen zu setzen, ist der etablierten Politik längst entglitten. Die FDP könnte davon ein besonders garstiges Lied singen, wenn sie denn kapiert hätte, was da gerade mit ihr passiert. Sie ist zum parteipolitischen Pendant von Wulff geworden, zur Bashing-Figur, an der die pure Lust an politischer Degradierung ausgespielt wird. (Da sind sich Internet und die Massenmedien ausnahmsweise einmal einig.)

Opfer spontaner Disruptionen

Vor diesem Hintergrund, wie abrupt bei solch heiklen Themen wie Wehrpflicht, Atompolitik oder Europa Kehrtwendungen vollzogen wurden, amüsiert mich, mit welch Blauäugigkeit an all die anderen heiklen Themen unserer Gesellschaft herangegangen wird: unsere Zukunftssysteme etwa, vulgo Rente. Jeder, der eine Bevölkerungsstatistik und den aktuellen Schuldenstand zu lesen vermag, weiß, dass uns dieses Thema nur allzu bald um die Ohren fliegen wird. Oder die Bildungspolitik. Hier wird über PISA, über kürzere und dann wieder längere Schulzeiten debattiert, über eine Vereinheitlichung der Prüfungen und eine höhere Chancengleichheit. Es kommt einem vor, als seien die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts wieder auferstanden.

Dabei muss es doch heute darum gehen, junge Menschen für eine Zukunft fit zu machen, die wir kaum erahnen können, von der wir aber wissen, dass sie grundlegend anders aussehen wird als die Gegenwart – oder die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Sie wird voller Disruptionen sein, immer wieder wird man sich völlig neu justieren müssen. Das ist nicht einfach. Gut wäre es, wenn man dazu vorbereitet wäre und dafür eine genügend große Palette an Fähigkeiten und Kompetenzen zur Verfügung hätte.

In den USA hat der Marketiung-Guru Seth Godin daher eine Kampagne für ein besseres, zeitgemäßeres Schulsystem mit der Verbreitung eines Gratisbuches gestartet, in dem er fordert, mit der Faktenhuberei und Anpassungsritualen unseres heutigen Bildungssystems aufzuhören und eine (digitale!) Schule der Förderung von Talenten und des Unangepasstseins zu entwickeln. „Stop Stealing Dreams – What is School for?“ heißt sein Werk und ist in allen möglichen digitalen Formaten auf der Website des Domino Projektes (von Amazon gesponsort) herunterzuladen.

Die Illusion der Linearität

Bildung und Zukunftsversorgung sind nur zwei Themen, die sich ähnlich disruptiv zu entwickeln drohen wie Wehrdienst, Atomkraft oder Energiepolitik. Viele weitere Themen stehen ebenso an. Wir sind als Gesellschaft hochkomplex, Entwicklungen geschehen immer schneller und unerwartet. Entsprechend öfter wird es zu Krisen und Konflikten kommen. Jede davon wird unabsehbare mediale Reaktionen auslösen, die eine jeweils spezielle Eigendynamik haben. Vorhersagen von Kommunikations-Verläufen sind künftig so gut wie unmöglich. Lineare Prozesse finden nicht mehr statt. Nur die Politik tut noch so.

Die etablierten Medien spielen bei diesem Spiel mit. Sie geben der Parteienpolitik immer noch die gewünschte Plattform. Vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht als eine Art Selbsterhaltungs-Reflex. Denn disruptive Veränderungen, vor allem, wenn sie zur Regel werden, sind für die Massenmedien eine veritable Bedrohung. Das zeigt auch die seltsame Aggression, mit der die Verursacher von Disruptionen, speziell das Internet, bedacht werden. Disruptionen sind nur durch extrem schnelle und vor allem sozial vernetzte Kommunikation bewältigbar. Das kann die Blogosphäre so viel besser und schneller als die etablierte Presse. Mit gut gewähltem Twitter-Following und einem aufgeweckten Facebook-Freundeskreis erfährt man nicht nur News schneller, man bekommt sie auch in Blogkommentaren schneller kompetent bewertet und wichtige Hintergrundinformationen dazu.

Und in aller Bescheidenheit: Es gibt dort mehr erstklassige Köpfe und Federn. Autoren und Persönlichkeiten, denen Disruptionen keine Angst machen, weil sie sich nicht davon bedroht fühlen…

 
 
 
 
 
 
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Leistung geht vor Schutz geht vor Recht

Jetzt scheint die Lobbyarbeit der Verlage doch noch Erfolg zu haben. Das Bundeskabinett hat beschlossen, dass Content-Aggregatoren, also vor allem Google News, den Verlagen für die von ihnen zitiert Inhalte Geld zahlen sollen. Das ganze nennt sich Leistungsschutzrecht und ist die Bankrotterklärung der deutschen Zeitungsverleger vor der digitalen Neuzeit. Und weil das Thema ja sowieso gerade heiß ist, wird das ganze als Verbesserung des Urheberrechts verkauft. Kurios nur, dass sich die Politik dafür vereinnahmen lässt. So tief kann doch die Freundschaft zwischen Angela Merkel und Friede Springer & Konsorten nicht sein? Und warum versteht eine diplomierte Physikerin nicht, wie das Internet systemisch funktioniert? Und warum hilft ihr da keiner der Berater. Und Herr Rösler, die Presse schreibt auch mit Leistungsschutzrecht nicht besser über die FDP!

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Die Bankrotterklärung der Verleger, die hinter der Idee des Leistungsschutzrechtes steht, erfolgt gleich auf mehreren Ebenen. Zum einen haben sie, die das Monopol auf qualitative (und weniger qualitative) Berichterstattung in Deutschland, ja Europa hatten, vor langen Jahren völlig die Idee einer guten Suchmaschine völlig verschlafen. Ausgerechnet die Verlagshäuser, die sich einst für teures Geld riesige Archive und hochqualifiziertes Betreuungspersonal geleistet haben, um wirklich kompetent Artikel schreiben zu können, kamen nicht auf die Idee, dass es in einem noch riesigeren Datenarchiv, wie es das Internet bald geworden ist, sinnvoll wäre, eine kompetente Suche zu erfinden.

Zu selbstherrlich zum Suchen

Selbst nachdem Yahoo mit seinen von Menschen erarbeiteten Datenverzeichnis immens erfolgreich war, kam man in Verlagskreisen nicht auf die Idee, das vorhandene Datenhandling-Knowhow auf das Internet zu übertragen und hier zu reüssieren. Zu vernagelt glaubte man an die Strahlkraft von gedruckten Inhalten – und gönnte sich die Hybris, digitale Inhalte, weil virtuell, nicht ernst zu nehmen. Ich weiß, von was ich hier schreibe, war ich zu der Zeit ja bei Gesprächen mit den meisten großen Verlagshäusern Deutschlands dabei, als es darum ging, Europe Online inhaltlich wie finanziell auf eine breitere Basis zu stellen.

Und das Versagen ging weiter: Als dann die Suchmaschinen, damals in erster Linie Altavista, dann Lycos oder Infoseek, begannen, die ersten nennenswerten Werbeumsätze zu machen, während die Werbeeinnahmen auf den Websites der Verlage (wenn es sie denn damals überhaupt gab), noch mehr als minimal waren, sprangen einige Verleger auf den Zug und kauften sich bei Suchmaschinen ein. Leider bei den falschen, die technologisch zurücklagen, Holtzbrinck etwa bei Infoseek. Die erfolgreichste Suchmaschinen-Neugründung überhaupt wurde dann völlig verschlafen: Google. Das finanzierte sich über Venture Capital und definierte den Markt der Suchmaschinen und Inhalteanbieter – und später dann auch der Anzeigenvermarktung im Internet komplett neu. Natürlich ohne die Zeitungsproduzenten.

Daten als Intelligenz

Google ist so erfolgreich geworden, weil es nicht nur einen genialen Suchalgorithmus entwickelt hat und kontinuierlich optimiert. Es ist so erfolgreich, weil es die geniale Idee hatte, so viele Inhalte wie nur möglich zu digitalisieren und sie gratis ins Netz zu stellen – zur Freude aller User: Bücher, Zeitungsartikel, Landkarten, Fotos, Videos, Blogs. Und es bietet Gratis-Services an wie Mail, Kalender, Office-Software etc. – mit der Prämisse, die dabei entstehenden Inhalte datenmäßig zu erfassen – um so ihre Anzeigenvermarktung besser, intelligenter und umfassender machen zu können. Google hat verstanden, aus digitalen Spuren einen Mehrwert zu schaffen, weil es geschafft wurde, aus den Übermassen an Daten Informationen, Strukturen und Entwicklungen herauszulesen und diese „Intelligenz“ zu Geld zu machen.

Die Artikel, die sie von Websites von Verlagshäusern dafür nutzten, waren dafür nur Mittel zum Zweck. Sie verkauften auf diesen Seiten ja keine Anzeigen, sondern sie machten sich nur schlau, welche Inhalte, welche Schlagworte im jeweiligen Moment von wem nachgesucht wurden. Google machte nie direkt mit den Inhalten Geld, sondern mittelbar. Per Google News und Google Suche wurde massenhaft Traffic auf die Websites von Inhalteanbietern geschickt, gratis versteht sich. Damit optimierte Google sowohl die Suche, vor allem aber die Treffgenauigkeit ihrer Anzeigen – gerne auch auf den Websites von Contentproduzenten.

Daten als Mehrwert

Die bittere Wahrheit auf der anderen Seite des Marktes: Die Inhalteanbieter haben es nie verstanden, aus den Massen an Inhalten und Daten, die sie produzieren und im Kundenkontakt im Internet bekommen, eine ähnliche Intelligenz herauszulesen. Sie haben es nie verstanden (in jeder Bedeutung des Wortes), aus Daten Mehrwert zu generieren. – Man muss ihnen zugute halten, dass sie Inhalte schaffen konnten und keine Softwareschmieden sind. Sie können Texte produzieren lassen, aber keine Algorithmen programmieren (lassen). – Dafür können sie Lobbyarbeit sehr gut. Das beweist die Entscheidung des Bundeskabinetts, den Verlagen zu erlauben, über Verwertungsgesellschaften Geld von Suchmaschinenbetreibern und Contentaggregatoren verlangen zu dürfen, wenn die auf ihre Inhalte verlinken. (!!!)

Spannend, wie Google & Co. reagieren werden. Ist ihnen das Wissen um die Nutzerinteressen und die Nachfrageströme bei aktuellen Inhalten in Echtzeit wert, dafür Geld an die Produzenten zu bezahlen, die selbst unfähig sind, dieses Wissen zu schöpfen und zu vermarkten? Das wäre dann tatsächlich eine Mehrwertsteuer für Datenintelligenz, die Google an die Verleger zahlt. Einen Mehrwert, eine Intelligenz, die Google mit den Inhalten schafft, wohlgemerkt. Naheliegender aber ist, dass Google, wie schon in einem ähnlichen Kontext in Belgien geschehen, einfach auf alle Inhalte von Verlegern verzichtet und die Links zu ihren Inhalten kappt. Dann bekommen diese kein Geld – und spürbar weniger Traffic auf ihre Seiten – und damit noch weniger Werbeeinnahmen.

Wer ist Aggregator?

Wer auf jeden Fall viel Geld verdienen wird, wenn die Pläne des Bundeskabinetts überhaupt je Wirklichkeit werden und in ein Gesetz umgesetzt werden sollten, sind die Rechtsanwälte. Denn es wird dann mehr als strittig sein, wer als Content-Aggregator gilt. Im Interesse von Abmahnanwälten wird die Interpretation sehr rigide gehandhabt werden, weil so mehr Geld zu kassieren ist. Schon heute sind unselige Rechtsanwälte aggressiv im Auftrag der Verlage im Internet unterwegs, und mahnen etwa Künstler und Sänger erfolgreich ab, wenn diese Zeitungs-Kritiken ihrer künstlerischen Leistungen auf ihre Website stellen. (Eintritt werden diese Journalisten wohl kaum gezahlt haben, die Künstler müssen aber für den Abdruck von Zitaten 700 bis 1.400 € zahlen. (Und das sind schon „Kulanzangebote“.)

Rechtsfrieden ade! Es wird rund gehen nach dieser politischen Entscheidung. Der Kampf gegen ACTA wird schärfer werden (müssen). Die Piraten werden noch mehr Zulauf bekommen. Und die Zeitungen werden noch erbitterter gegen das Internet und die bösen sozialen Netzwerke anschreiben. Der Kulturkampf zwischen digital und analog wird wirklich bitter werden. Das Überleben der Print-Verlage mit ihrem überkommenen Content-Verständnis wird auch das Leistungsschutzrecht nicht verhindern, bestenfalls ein wenig hinauszögern.Die Nutzer werden entscheiden. Sie werden gegen gedruckte Produkte votieren. Vor allem die jungen Leser/User.

Und wenn die weg sind, wird die Werbewirtschaft noch weniger in Anzeigen in Print investieren. Das bedeutet finanziell das Aus, Leistungsschutzrecht hin oder her. Ein Blick auf den Einbruch der Anzeigenumsätze in den USA lässt ahnen, was bald auch in Deutschland Fakt sein wird:

 
 
 
 
 
 
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What my friends think I do

Wem ist in den letzten Wochen nicht auch eines der Schaubilder per Mail oder Facebook-Post auf den Bildschirm gepoppt, in dem – auf schwarzem Untergrund – mit lustigen Bildchen die disperse Perzeption verschiedener Jobs illustriert wird: Was denken meine Freunde, was ich in meinem Job tue? Was meint Mami? Was die Gesellschaft? Was mein Boss? Wie sehe ich mich selbst? Und als entlarvender Schlussgag dann: Das tue ich wirklich im Moment. (Eine wilde Mischung an Beispielen findet man etwa auf der Site „What My Friends Think I Do“ oder einfach als Bildersuchbegriff „What People think I do“ bei Google eingeben.)

Brautmutterkleider Damen Neu Charmant Partykleider Trumpet Lang Kleid Figurbetont Hell Gelb Abendkleider Orange 2018 tStqYwEin bezeichnendes Meme, das sich da im Netz ausbreitet. Wir scherzen mit den Images, Erwartungen und Projektionen, die unser Umfeld über unseren Berufsstand kultiviert. Das Fremdbild, das unser Berufsumfeld geschaffen hat, wird gütig karikiert. Aber am spannendsten ist die Selbsteinschätzung, mit der in den letzten beiden Bildern gescherzt wird. Was ich zu tun meine (What I think I do) versus: Was ich wirklich tue. (What I really do.) Wir nehmen uns in unserer überzogenen Selbsteinschätzung auf den Arm.

Der ganz normale Narzissmus

Eine übertriebene Selbsteinschätzung, weil der Kontakt zum eigenen Ich verloren gegangen ist, das ist das prägende Symptom des Narzissmus.  In einer Welt, in der das Ich so viele verschiedene Rollen zu spielen hat, ist das eine relativ logische Entwicklung, dass das Ich den Kontakt zur Realität verliert. Noch dazu, wenn man als Kind Eltern erlebt hat, die selbst schon auf narzisstoide Weise das eigene Ich überbewertet haben. Noch dazu, wenn Vorbilder einer Selbstüberhöhung durch die Massenmedien reihenweise geliefert werden, etwa durch überzogene Projektionsoptionen: Models, Filmheroen, Medienstars etc. Und wenn sowohl Ich-Findung als auch die Selbst-Vervollkomnung in Filmen oder Games als kinderleicht, weil virtuell erlebt werden können.

Wir sind, keine Frage, eine Gesellschaft von Narzissten geworden. Und wir sind eine narzisstische Gesellschaft geworden, die eben auch den Kontakt zu ihrem Kern verloren hat und sich – deswegen – selbst überschätzt und glorifiziert. Und längst haben wir uns auch vorbildhafte Plattformen für gepflegte Nabelschau geschaffen – und en masse bevölkert: Facebook, Google+, Twitter & Co. Mit den Pendants in China sind schätzungsweise zu Anfang 2012 wohl locker 1,5 Milliarden Menschen in Sozialen Netzwerken aktiv.

Die Kultur des Narzissmus

Schon 1979 hat der amerikanische Historiker und Sozialkritiker Christopher Lasch mit seinem Werk „The Culture of Narzissim“ (deutsch: „Das Zeitalter des Narzissmus“) einen Bestseller geschrieben. Er beschwor damals einen Niedergang einer heilen (amerikanischen) Gesellschaft. Seine mit den Jahren immer konservativeren Ansichten verhinderten eine breite Aufnahme seiner Thesen. Seitdem sind immer wieder Publikationen zum Thema Narzissmus erschienen, wissenschaftliche, populärwissenschaftliche und schmalspurpsychologische. Sie alle verbindet das Schicksal ausgeprägter Erfolgslosigkeit.

Mich fasziniert das Thema Narzissmus schon ewig lange. Kein Wunder, habe ich in einer der wohl narzisstischsten Zünfte gearbeitet, die es bisher gab, dem Journalismus. Wie anders konnte man da überleben, ohne sich selbst, seine Meinung und seine Gedanken (zu) wichtig zu nehmen. Das wird in diesem Metier mit der Zeit gerne auch chronisch – man bedenke, früher gab es kaum ernst zu nehmendes Leserecho als Korrektiv. Ich habe lange geglaubt, dass Narzissmus als Thema keine Chance hat, weil die Gesellschaft längst zu narzisstisch geworden ist und dieses Manko als blinden Fleck gesellschaftlich erfolgreich ausgeblendet hat. (So falsch mag diese These auch gar nicht sein.)

Narzissmus als Überlebenshilfe

Die Wahrheit ist aber wohl eher, dass unser Leidensdruck persönlich und als Gesellschaft narzisstisch zu sein, sehr schwach ausgeprägt ist – und kontinuierlich nachlässt. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist eine narzisstische Ausprägung gar nicht so negativ. Psychologen unterscheiden heute schon zwischen positivem und negativem Narzissmus. Die positiven Aspekte sind eine positive Einstellung zu sich selbst, ein starkes Selbstwertgefühl und eine ko-evolutionäre Liebesfähigkeit. (Die christliche Charitas wörtlich interpretiert: „Liebe den Nächsten wie dich selbst!“) – In amerikanischen Veröffentlichungen war sogar davon die Rede, dass für erfolgreiche Führungspersönlichkeiten stets ein gesundes Maß an Narzissmus zur mentalen Grundausstattung gehören sollte.

Aber auch ohne den Narzissmus positiv umwerten zu wollen, ist die forcierte Beschäftigung mit sich selbst heutzutage eine Selbstverständlichkeit. In dem Vielerlei an Rollen, Aufgaben, Optionen und Persönlichkeits-Aspekten, die heute jedem intelligenten Menschen zur Verfügung stehen und die ausprobiert und bespielt werden müssen, ist ein ausgiebiges Kreisen um sich selbst unausweichlich. Und in einer Welt, die sich so rasch wandelt wie nie zuvor, die komplex und chaotisch ist, muss man sich geflissentlich um sich selbst und seine eigene Weiterentwicklung kümmern. Das Vorbild ist längst nicht mehr eine in Granit gemeißelte fixe Persönlichkeit, sondern ein fluides Ich, das sich kontinuierlich weiterentwickeln kann. Das setzt dann doch reichlich Beschäftigung mit sich und seinem Ich voraus, sozusagen einen konstruktiven Narzissmus.

Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen

Eine ausgeprägte narzisstische Persönlichkeitsstörung ist dann schmerzhaft und schwer aushaltbar, wenn Menschen damit beispielsweise Untergebene oder emotional abhängige Menschen drangsalieren und ihren Launen und Machtspielchen aussetzen. In einer Zeit mit immer flacheren Hierarchien und zeitlich immer begrenzteren Machtübertragungen sind diese misslichen Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen eines krankhaften Narzissmus im Arbeitsumfeld immer leichter zu vermeiden oder auch auszuhalten. In einer Informationsgesellschaft sind institutionelle Machtpositionen ein Auslaufmodell, und in einer Netzwerkgesellschaft rächt sich jede narzisstische Monomanie unmittelbar. Man verliert umgehend für alle anderen Normal-Narzissten an Attraktivität.

Vor allem aber werden der allzu großen Ich-Liebe zunehmend die soziologischen Grundlagen entzogen. Narzissmus ist die logische (Negativ-)Folge des Individualismus. Je mehr ich an der Unverwechselbarkeit und Unikatmäßigkeit meines Ichs arbeiten muss, wie das in hoch ausindividualisierten Gesellschaften unausweichlich der Fall ist, ist Narzissmus sozusagen system-immanent und eine logische Folgeerscheinung. In unserer digitalen Gesellschaft mit seiner fundamentalen Transparenz und schwindenden Rückzugsmöglichkeiten in ein individuelles Solitär-Dasein ist das Ende des Individualismus, wie ihn das 20. Jahrhundert geprägt hat, absehbar. Und mit ihm hat das, was wir bisher als Narzissmus kennen- und zu fürchten gelernt haben, wohl bald ausgedient.

Wie dann aber etwa ein neuer, digitaler Narzissmus aussehen kann, darüber mag spekuliert werden: Wenn etwa mangelnde Aufmerksamkeit oder Anerkennung zu verzweifelter Inszenierung des digitalen Ich führt. Eine frühe Vorform hat sich als Kim-Schmitz-Syndrom manifestiert, mit tragischen Symptomen wie etwa Auto-Nummernschildern mit der Buchstabenfolge: „GOD“… – das wäre dann eher Narrzissmus…

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Ende der Besitzstands-Kakophonie!

Die aktuelle Diskussion zum Urheberrecht erinnert mich an die köstlichen Filmszene in „Findet Nemo“, in dem die gierigen Möwen um den auf dem Pier gestrandeten Nemo sich in eine Beanspruchungs-Kakophonie hineinsteigern: „Meins!“ – „Meins!“ – „Meins!“ … Genauso beharren Rechteinhaber heute darauf, dass alle Inhalte ihnen gehören: „Meins!“ Auf der anderen Seite die Gratis-Medien-Apologeten, die alles für lau haben wollen: „Meins!“

Brautmutterkleider Damen Neu Charmant Partykleider Trumpet Lang Kleid Figurbetont Hell Gelb Abendkleider Orange 2018 tStqYwEine grundlegende Diskussion zum Thema Urheberrecht, oder genauer gesagt zu den Nutzungsrechten ist längst überfällig. Für die Vergütung von geistigem Eigentum muss genauso dringend und zügig ein neuer gesellschaftlicher Konsens gefunden werden wie zum Thema Privatsphäre. Beides sind Themen, die in der digitalen Welt und der Welt der Zukunft besonders essentiell sein werden, weil sie eine zentrale Rolle im Wirtschaftgefüge einer kommenden Netzwerk- und Innovationsgesellschaft spielen werden. Um so wichtiger ist es, dass die Diskussion aus dem Reklamierungs-Geschnatter („Meins!“) befreit und wirklich zukunftsperspektivisch diskutiert wird, anstatt Vergangenheitsrecht für die Zukunft zu zementieren, wie das ACTA will.

Blüte der virtuellen Produktion

Einen sinnvollen ersten Schritt zur Klärung der Debatte hat Max Winde in seinem Blog 343max geliefert. Er definiert, ganz ohne jede Parteinahme für oder gegen Content-Eigner, wie denn ein Interessenausgleich idealerweise aussehen könnte. Leider – oder besser: verständlicherweise – liefert er keine Lösung, wie eine angemessene Bezahlung von Werken geistigen Eigentums aussehen könnte, wie hoch sie sein müsste/könnte und was die Nutzer dieser Werke möglicherweise zahlen würden – und wie? Das sind die zentralen Fragen und – leider – dafür gibt es dafür (noch) keine wirklich innovative, keine kreative Lösung. Vielleicht auch nicht, weil die wirtschaftlichen Bedingungen, in denen die Ideen-Industrie und die Jäger der Urheber-Schätze der Zukunft arbeiten werden müssen, noch kaum angedacht sind. Aber das wäre einen Versuch wert:

Max Winde hat in seinem Beitrag schon einen guten Hinweis auf die künftige Wichtigkeit von ideeller Produktion geliefert. Zitat: „Urheber sollten nicht schlechter gestellt werden als Produzenten von physischen Produkten. Vielleicht sogar besser: Wenn jemand ein physisches Produkt herstellt, dann vernichtet er dabei der Allgemeinheit gehörende Ressourcen. Diese Vernichtung von Ressourcen können wir vermutlich nur bremsen, wenn wir die Produktion von ,virtuellen‘ Produkten ähnlich lukrativ machen wie die Produktion von physischen Gütern.“ Richtig, die Produktion im virtuellen Raum wird in Zukunft immens wichtig werden. Es ist leicht, sich über Farmville & Co. lustig zu machen, aber das sind frühe, embryonale Vorboten einer Zukunftsindustrie der Virtualität.

Dysfunktionalität durch Rechtestreit

Fakt ist, dass unsere Welt noch nie so viele Menschen beherbergen und ernähren musste wie heute. Und noch nie auf einem so hohen globalen Wohlstands-Niveau wie heute. Wir werden als Folge davon künftig unglaublich viele Krisen, Irritationen, Hysterien und Konflikte erleben – das ist in solch einem hochentwickelten, nervösen, komplexen Systemen unausweichlich. (Mit Griechenland & Co. üben wir das gerade auf Sandkasten-Niveau!) Aber das ist in und mit einer Network-Gesellschaft lös- und bewältigbar, weil man so innerhalb kürzester Zeit Ideen und Lösungen finden – und umsetzen kann.

Das geht aber nur, wenn solch eine Ideen-Produktion in der Lage ist, ungehemmt und schnell zu operieren. Da darf keine Abmahn-Industriemit mit irrwitzigen Forderungen Knüppel dazwischen werfen. Die Kriege zwischen den Eignern von Smartphone-Patenten wie Apple, Google, Samsung, Nokia, Microsoft & Co. geben da nur einen ersten Vorgeschmack, wie ein überkommenes Rechtesystem droht, eine Branche – und eine Innovations-Sparte – dysfunktional werden zu lassen. (Meins! – Meins! – Meins!) Es ist hier gut zu erahnen, dass man in dieser vernetzten, globalen, innovationsbeschleunigenden Welt mit Besitzstandsdenken nicht mehr weit kommt und das Sharing-Prinzip funktionaler ist. (Sicher auch gegen entsprechendes Entgelt.)

Die Ideenlieferanten funktionieren

Allzu große Sorgen, dass uns in Krisensituationen die Ideen und Lösungen ausgehen, brauchen wir uns nicht zu machen. Denn die große Mehrheit der globalen Internet-Gemeinde ist von ACTA und sonstigem Urheberrechts-Klüngel nicht betroffen: China, Russland, Indien, ja fast das komplette Asien und Afrika und Südamerika machen bei ACTA nicht mit. (Die Schweiz und Norwegen auch nicht!) Hier werden daher die Ideen-Schmieden der Zukunft  entstehen, die schnell, pragmatisch und nötigenfalls rücksichtslos handeln werden. Schon heute ist die Mehrzahl der Websites und der Web-Inhalte asiatisch…

ACTA Unterzeichner

Fragt sich, ob wir uns hierzulande freiwillig der eigenen Dysfunktionalität ergeben wollen oder ob wir aktiv im Ideen-Wettbewerb mitmachen wollen. Genug einzubringen hätten Europa (West), Amerika (Nord) plus Anhang. Wir haben das Erfinden erfunden. Wir waren über Jahrhunderte die Innovatoren der Welt, im Guten wie im Schlechten. In uns müssten noch reichlich die Meme des Erfindergeistes vorrätig sein. Es wäre fatal, wenn statt ihrer die Häme der Ideen-Verwertungs-Industrie obsiegt.

Längere Fristen in einer beschleunigenden Welt

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet Disney in der Sucht, sein Film und Figuren-Repertoire länger monetarisieren zu können, die Laufzeiten von Urheber- und Nutzungsrechten auf 70 Jahre verlängert hat. Das gab es nie zuvor. Und wir in Europa machen da brav mit. Und jetzt sind die Schutzzeiten so lang, dass sie wirkungsvoll zur Dysfunktionalität einer Ideen-Industrie beitragen.

In Zukunft, wenn es immer schneller immer mehr Ideen geben wird (s. o.), dann haben sie automatisch eine kürzere Laufzeit. Es ist also widersinnig, ihnen eine längere Rechte-Geltungsdauer zu geben. Wie will ein Rechteinhaber einer davorliegenden Idee gegen die darauf aufbauende seine Rechte einklagen, wenn die Welt- und Wirtschaftsgeschichte längst schon etliche Kapitel weiter ist?

Das Ende des Fortunismus

Die Vorstellung, dass Ideen eine Ewigkeit gelten und entgolten werden müssen, ist wohl auch der Angst geschuldet, nur eine begrenzte Zahl von Ideen haben zu können. Solche Ängste führten dazu, dass man Ideen ausgiebig verwerten wollte. Es ist ja kein Zufall, dass ausgerechnet die Film- und Musikbranche so sehr für ACTA kämpft. Zwei Industrien, in denen man Glück haben musste, um sein „Glück zu machen“. Ein Hit, und man war reich. Aber die Mehrzahl der Songs waren Flops. „Fortunismus“ nennt Peter Sloterdijk diese Art von kulturell sanktioniertem Glücksspiel.

Die Vorstellung, nur eine begrenzte Zahl an geistigen Werken in einem Leben schaffen zu können und davon umfangreich zehren zu müssen, ist mit einem Blick in die Zukunft absurd. Früher, zugegeben, waren erfolgreiche Ideen Mangelware, weil es schwierig war, dafür das nötige Publikum zu bekommen. Diese Wirtschaft der Verknappung ist seit dem Internet und seinen unendlichen Optionen der Wahrnehmung vorbei. Die Angst, Ideen könnten nur begrenzt vorhanden sein, ist in einer Netzwerk-Gesellschaft absurd, denn sie können hier so viel leichter und schneller entstehen. Und damit hat der Fortunismus ausgedient. Es reicht nun nicht mehr, eine oder wenige gute Ideen oder Werke zu schaffen. Jetzt muss man kontinuierlich, ein (langes!) Leben lang neue Ideen, Werke und Projekte entwickeln. (Ganz wie im richtigen Leben…)

Der Anfang von etwas radikal Neuem

Natürlich müssen gute, wichtige Ideen entlohnt werden, keine Frage. Je besser sie sind, mit um so mehr Geld. Und wenn es viel Arbeit, Planung und Investition gebraucht hat, um etwa eine Software zu entwickeln und zur Marktreife zu bringen, umso mehr. Trotzdem wäre es falsch und (zukunfts-)wirtschaftlich unvernünftig, auch hier zu lange Nutzungsfristen zu gewähren. Denn gute Ideen müssen sich verbreiten, und das schnell – und sie müssen weiterentwickelt werden. Die logische Folge: Schluss mit dem bisherigen Anspruchs-Denken! Her mit radikal neuen Ideen!

Mein Freund Spitze mit Ballkleider Meerjungfrau Festlichkleider mia Elegant Abendkleider Partykleider La Rot Lang Braut Figurbetont qwz8Xqfauf meine Facebook-Empfehlung des Blogs von Max Winde richtig: „Wir können alle miteinander die Auswirkungen der Digitalen Revolution auf unser ökonomisches, kulturelles und soziales System noch gar nicht abschätzen, wir sehen schemenhaft den Anfang von etwas radikal Neuem. Die Diskussion um das Urheberrecht lässt uns das erahnen, denn sie wird sich ergebnislos im Kreis drehen.“ – Der Anfang von etwas radikal Neuem, kann das nicht so aussehen? Eine Innovations-Gesellschaft mit einer ungeheuren Dynamik, die man lustvoll genießen kann. Und in der wundervolle Ideen (aber auch doofe) entstehen werden, en masse.

Aber wer wie und wie viel Geld damit verdient und wer wem wie viel Geld zahlt, das bleibt zu klären. Diesen Konflikt zwischen freier Verfügbarkeit von Ideen und angemessenem, unbürokratischem Entgelt zu lösen ist jetzt die große Aufgabe für unsere digitale Netzwerkgesellschaft. Aber eine Idee dafür ist nur zu finden, wenn man von den alten Zöpfen der Kreativ-Kultur und der Kreativ-Verwertung und von seinen Limitationen und Ängsten Abschied nimmt. Schluss mit „Meins! – Meins! – Meins!“

P.S.; Ein erster guter Ansatz eines zeitgemäßen Urheberrechts hat Marcel Weiß im ZDF Hyperland formuliert: Kürzere Schutzfristen, keine automatische Verlängerung, Opt-In statt Automatik, Erlaubnis der privaten Nutzung…

P.P.S.: Und hier bei neunetz.com eine sehr schlüssige Argumentation, warum es „geistiges Eigentum“ nicht geben kann – und nicht geben soll.

 
 
 
 
 
 
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Lana del Rey: Umgang mit Unerklärbarem

Wie entstehen Mythen? Darüber haben über Jahrhunderte hinweg Religionswissenschaftler, Psychologen und Philosophen theoretisiert. Heute folgen wir gerne dem Mythos-Verständnis von Jürgen Habermas oder Niklas Luhmann. Jürgen Habermas definiert Mythos – hier arg verkürzt – als ein archaisches Wissen, das über jahrhundertelange Tradition und Überlieferung unsere  Handlungsnormen der Gegenwart beeinflusst. Entstanden sind Mythen für ihn aus der Erfahrung des Ausgeliefertseins an die Unwägbarkeiten einer nicht beherrschbaren Umwelt. Für Niklas Luhmann – auch arg vereinfacht – sind Mythen das Ergebnis einer frühzeitlichen tradierten Selbstbeschreibung. Sie definieren das gesellschaftliche Verhältnis zum Unvertrauten. Der Mythos ist so eine vor-rationale Umgangsform der Menschen mit dem Unerklärbaren.

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Lana del Rey

Es ist bezeichnend, dass wir uns heute mit Mythen in dem beschriebenen Sinne so schwer tun. Allem Möglichen (und Unmöglichen) wird zwar die Bezeichnung „Mythos“ aufgestempelt. Aber meist ist das nichts anderes als ein schaler Versuch einer unspezifischen, para-religiösen Vermarktung. Man mache mal kurz die Probe aufs Exempel und sehe sich die Bilder-Ergebnisse einer Google-Suche ein.  Die Ergebnisse sind niederschmetternd: Turnschuhe, Fahrradhelme, Autos, Motorräder, Bier, ja sogar das Weserstadion etc. tauchen auf, wenn man sich erst einmal durch Fotos zum Computerspiel „Mythos“ durchgearbeitet hat. Na ja, was soll Google auch machen, wenn es nach Unwägbarem gefragt wird. Hier endet das digitale Allwissen in schrabbeliger Banalität. (Nach „Mythos“ auf Twitter gesucht, bringt ein weit intelligenteres und differenziertes Ergebnis – wenn auch niederschmetternd rationalistisch…)

Des Mythos neue Kleider

Mythos und Unwägbares, gar tief in unserem kollektiven Unterbewusstsein eingelagerte Überlebenserfahrungen aus vor-rationaler Zeit (s. o.), das mag so gar nicht zum unendlichen Info-Panoptikum der digitalen Welt passen. Und es ist in seiner diffusen, unterbewussten Qualität diametral zur Offenheit des Internet und zur allgegenwärtigen Skepsis und Prüfsucht der Webgemeinde. Ein schöner Gedanke dazu wird in der vielleicht intelligentesten Kritik zum Debut-Album „Born To Die“ von Lana del Rey von John Calveri formuliert und ist im Online-Musikmagazin „The Quietus“ erschienen. Neben einer vernünftigen – recht positiven – Einschätzung des Albums denkt Calveri über das Problem nach, in Zeiten des Internet und dessen rabiater Art der allgegenwärtigen Dekuvrierung, seiner Sucht nach Transparenz und Authentizität noch Mythen bilden zu können, geschweige denn sie zu zelebrieren.

Er bewundert die Fülle an Zitaten aus der Glamour-Kultur Hollywoods der 50er- bis 70er-Jahre, die in dem Album versammelt ist – und dabei zugleich die Gegenwart in all ihrem Talmi und ihrer Referenz- und Vintage-Sucht treffend beschreibt. Denn gerade dadurch kommt man heute einem Abziehbild von Mythos am einfachsten nah – meint man wohl. Und Lana del Rey konterkariert diese Rent-a-Myth-Mentalität durch ihre exzessive Nutzung. Zitat Calveri: „It’s tempting to interpret Born To Die as the culmination of over 70-odd years of pop industry progress, in terms of the dark art of myth-making. It’s now as if life is imitating art in real time, worse, in digital time, with both tiers – life and art – forward-planned to coincide.“ Das genau sind die digitalen Zeiten: die willkürliche Vermischung aus Zitat und Wirklichkeit, aus Kunst und Leben, Banalität und Mythos.

Projektions-Phantasien der Journaille

Die mythische Verhüllung eines hübschen, ein wenig ungelenken Twens ist auf sehr bemerkenswerte Weise gelungen. Initiiert als viral funktionierende Video-Collage zu „Video Games“, die zig-millionenfach angeklickt wurde, hat sie mit ihren homöopathisch dosierten kryptischen Bezügen und biografischen Widersprüchen äußerst erfolgreich die Phantasie der (Musik-)Journaille beflügelt. Sind ihre Lippen aufgespritzt? Ist sie Millionärs-Töchterchen oder Trailerpark-Girl? Hat sie das Video wirklich auf dem iPad produziert? Die Projektionen der non-digitalen (!) Presse entführten Lana del Rey erfolgreich aus jeder Wirklichkeit, aus dem alltäglichen Banalitäts-Referenz-System. Noch einmal Zitat Calveri: „A lost art in the internet age, it’s precisely that distance, that sense of untouchability, which renders Del Rey mysterious; a comfortably numb semi-goddess imprisoned in the isolation of stardom, both on Born To Die and, since her rise to ubiquity, in real life as well. Suffice to say, it’s brain-twistingly meta.“

Abendkleid Gr mit Bolero grün Heine Die undurchschaubare Mischung aus Traum und Wirklichkeit, die so entsteht, ist die derzeit wohl einzig noch funktionierende Methode, sich der inquisitorischen Recherche-Wut der Netzgemeinde und der all-profanisierenden Medien zur Wehr zu setzen und noch einen Hauch von Geheimnis zu retten. Dieses Spiel aus Realität und Überhöhung zieht sich bis ins kleinste musikalische Detail. Schwülstige Streicher-Arrangements sind mit kalten, verschleppten Trip Hop-Rhythmen unterlegt. Hymnische Melodien, Harfen und Glockenklang sind konsequent mit dokumentarischen Tondokumenten in UKW-Qualität, Rap, Kindergeschrei, Computer- und Modem-Funktionsklängen, Feuerwerk, Vinylplattenknistern, Atemgeräuschen oder Radar-Pings hinterlegt. Mit ähnlichen Brüchen zwischen Traum und Wirklichkeit, Liebe und Gewalt arbeiten auch die Texte von Lana del Rey.

Marketing alá Fellini

Nicht umsonst zitiert John Calveri denn auch den Großmeister der Assemblage von Traum und Wirklichkeit Frederico Fellini („8 1/2“): „In the end, (Lana del Reys) debut is essentially a lattice of Fellini-esque postmodernism. (…)  The difference is, Fellini never had the internet. Blurring the line between dreams and reality gets a whole lot more complicated when you have a fourth dimension to play with.“ Die vierte Dimension, das ist in Zeiten des Internets die Virtualität. In dieser Welt wird der Künstler/die Künstlerin im Idealfall einer gelungenen Mythenbildung und Mystifizierung zum Spielball der Phantasien und Projektionen der Hörer und Zuschauer.

Und um diesen Sim-Effekt der Projektion im virtuellen Raum zum Funktionieren zu bringen, muss ein wirklich umfangreiches Arsenal an Zeichen, Zitaten, Bezügen, urbanen Legenden – und an Klängen, Melodien und Bildern angeboten werden, aus dem sich dann jeder nach seinem Gusto und seiner Phantasiebegabung bedienen darf. Und dazu sollte das Angebot stimmig sein, es darf aber zugleich nicht zu homogen sein. Authentisch kann nur wirken, was auch bis zu einem bestimmten Grad widersprüchlich ist. So entsteht dann tatsächlich Mythos im Habermasschen Sinn als Erfahrung des Ausgeliefertseins an die Unwägbarkeiten einer nicht beherrschbaren Umwelt – jetzt einer hyperkomplex gewordenen Welt. Bzw. entsteht Neo-Mythos a lá Luhmann als eine para-rationale Umgangsform der Menschen mit dem Unerklärbaren der Populärkultur.

Der Backfire-Effekt

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So etwas funktioniert nicht nur bei der Mythisierung einer Pop-Sängerin. Lana del Rey als Medienphänomen kann auch als eine Blaupause für Markenbildung und Markenführung dienen. Es mag vermessen klingen: Wer immer seine Marke zum Mythos machen will, oder wenigstens mythisch in Zeiten digitaler Omnipräsenz aufladen will, der sollte sich das Phänomen Lana del Rey genau ansehen. Die Musik Dauerschleife hören, die Videos genau ansehen – und seine Lehren daraus ziehen.

Ist aber erst einmal ein Mythos stabil aufgebaut, dann hilft ausgerechnet die Informationsflut und die Diversität der Meinungen im Internet, um Mythen zu stabilisieren, ja zu zementieren. Wissenschaftler an der Universität Michigan haben sich mit dem Thema beschäftigt und herausgefunden, dass jeder Versuch, Mythenbildung durch Informationen und Argumente zu konterkarieren, unweigerlich scheitern müssen, weil in jeder Gegenargumentation selbst eine existierende Meinung (und sei sie grundfalsch) wieder erwähnt werden muss und sie sich so nur noch tiefer ins Gedächtnis eingräbt. Tiefer als jedes Gegenargument. Die Wissenschaftler nennen dies den „Backfire-Effekt“ denn je vertrauter Menschen eine Sache ist, desto eher schenken sie dieser Glauben. (So berichtet die SZ in ihrer Print-Ausgabe am 1.2.12 im Wissenteil unter der – etwas irreführenden – Überschrift „Wie man Starrköpfe überzeugt“. – Leider ist der Artikel – wieder einmal – nicht online gestellt.)